Skip to navigation Skip to main content

Andy Holzer, blinder Bergsteiger, im Interview über seine Faszination des Bergsteigens

11545 - Andy Holzer, blinder Bergsteiger, im Interview über seine Faszination des Bergsteigens (4)

Der 51-jährige Bergsteiger Andy Holzer ist blind. Als blind climber, wie er sich selbst nennt, reist der Österreicher durch die Welt. Jährlich besteigt er an die 200 Berge, darunter auch schon den höchsten Berg der Welt, den Mount Everest. Mit seiner Geschichte und seiner Einstellung zum Leben inspiriert er Menschen auf der ganzen Welt. Wenn er nicht gerade Berge besteigt und für Vorträge unterwegs ist, genießt er die Anwesenheit der Dolomiten vor seiner Haustüre. IndenBergen hat mit dem blinden Bergsteiger über seine Leidenschaft gesprochen.

Herr Holzer, was fasziniert sie am Bergsteigen?

Mich persönlich fasziniert, dass es in Zeiten wie diesen ein Mittel ist, das mir immer noch völlig unvoreingenommen und neutral ein Feedback gibt. Ein Feedback zu dem was ich denke und zu dem was ich mir vor der Bergtour für Gedanken gemacht habe. Habe ich den richtigen Tag gewählt, habe ich mich richtig vorbereitet, habe ich den richtigen Partner und bin ich am richtigen Berg. Wenn nur ein einziger Fehler im System ist, dann kriege ich vom Berg, der gar nicht weiss, dass ich Andy Holzer der Blind Climber bin, die gleiche Antwort wie jeder. Das ist ja so genial. Du kriegst ja heute fast von niemandem mehr so ein direktes, unverfälschtes Feedback. Du kriegst die Antwort auf dich selbst.

Blick auf Andy Holzer an der Felswand
Grönland im Juli 2012: Andy sieht keine Probleme in der Tour.© Andreas Nothdurfter

Was denken Sie, ist der grösste Unterschied zwischen Ihnen und einen Sehenden Bergsteiger?

Da gibt es für mich gar keinen Unterschied. Es ist dieselbe Sehnsucht die mich antreibt, nicht irgendein Erfolgsversprechen. Ich mache das aus purer Leidenschaft und aus purer Freude. Weil ich nicht schlafen kann in der Nacht, weil mich dieses und jenes Ziel so verrückt macht und deswegen ist es genau gleich wie bei meinen Sehenden Freunden. Wir haben das gleiche Ziel, die gleiche Leidenschaft. Meine Freunde wollen auch spüren, hören und herausfinden, ob sie jetzt am Tag x richtig lagen mit ihrer Vorbereitung oder nicht. Für mich selbst und mein Inneres unterscheidet sich gar nix. Von außen gesehen, scheint die Welt natürlich völlig anders aus.

Jeder Berg spricht seine eigene Sprache, haben Sie in einem Fernseh-Interview auf NDR gesagt. Was für eine Sprache ist das?

Ich bin der Meinung, dass du mit dem Berg, mit deinem Partner am Berg und mit deinem Partner im Tal empathisch umgehen sollst. Wenn du immer wieder versuchst dich in das Fühlen, in das Denken, in die Erwartungen deines Gegenübers hineinzuversetzen, dann hast du mehr Chancen zu verstehen, ob du gewollt oder verstanden wirst. Es ist immer Empathie bei mir im Spiel, weil die Blindheit mir die Empathie schon als kleines Kind ans Herz gedrückt hat. Empathie ist das einzige Mittel, mit dem ich überhaupt klarkomme. Ich muss ja zuerst wissen, wer mit mir geht. Und so habe ich mit dem Berg, mit dem Felsen und mit dem Schnee eine gewisse Empathie. Ich versuche zu spüren, niemand ist perfekt.

Andy im Schnee
Andy und Hansjörg von Cosmiqueplateau Richtung Bergstation. Tour am Mont Blanc 2005.

Wie wichtig ist Intuition oder intuitiv handeln für Sie?

Die Intuition ist die Schwester der Empathie, wenn du keine Empathie hast dann wirst du auch wenig Intuition haben. Intuition ist praktisch das Reagieren auf empathische Empfindungen. Wenn wir 4 oder 5 Mann auf einer Skitour sind, und es gibt einen Hang zum Überqueren, dann wird darüber diskutiert, ob wir das jetzt können, ob wir Abstand nehmen, oder ob wir völlig sicher in einer Gruppe überqueren können. Niemand von meinen sehenden Partnern kann in die Schneedecke hineinschauen und weiß im Voraus, ob das jetzt geht oder nicht. Auch Sehende, erfolgreiche Bergsteiger sind empathisch mit ihrem Berg. Das hat nichts mit Blindheit zu tun.

Andy und Guide vor ecuadorianischer Landschaft
Andy bespricht mit Guide Emilio die Route zum Illiniza Norte in Ecuador 2014. © LIFE-EARTH-Reisen

Was war bisher der grösste Gipfelsieg, den Sie für sich errungen haben?

Es war der Everest. Natürlich freue ich mich, wenn ich in den Dolomiten die schwierigste Klettertour gemacht habe. Die anhaltende Freude von so einer Leistung sind wenige Stunden und vor allem physischer Natur. Aber den höchsten Punkt dieses Planeten physikalisch zu erreichen, das berührt mich immer noch. Als würde ich auf der Tragfläche einer Boeing 767 sitzen. Das ist unglaublich kräftig.

andy holzer vor blauem Himmel
Nach 2 Fehlversuchen hat Andy Holzer im Mai 2017 den Mount Everest als erster blinder Bergsteiger auf der Nordroute erfolgreich bestiegen. © Klemens Bichler

Sie sehen keine Tiefe, aber spüren diese?

Es geht nicht um das Sehen der Tiefe, denn wenn es um das Sehen der Tiefe ginge, dann sage ich Ihnen machen Sie einfach die Augen zu, dann haben sie auch keine Höhenangst. Es geht ums Wissen darum und um die Wahrnehmung darum. Ich kriege die Tiefe genau gleich mit wie sie. Mein Gehirn macht sich Bilder, weiß ja gar nicht, dass ich blind bin. Beim Klettern, wenn ich beispielsweise 300 m hochgeklettert bin, dann weiß ich jeden Zentimeter. Dann fällt ein Tropfen oder ein kleiner Stein herunter, alleine die Akustik malt mir ein Bild, das wahrscheinlich grauenhafter ausschaut als ein optisches Bild.

blick auf andy und martin rotgebele
Skitour: Martin und Andy beim Aufstieg zum Rotgebele (Schobergruppe) in Osttirol. © Andreas Unterkreuter

Haben Sie einen Lieblingsberg?

Spätestens 2 Tage nach einer Reise steige ich hinauf ins Laserz-Massiv bei uns in den Dolomiten. Das ist vor unserer Haustür. Man sieht das von der Veranda, also meine Frau sieht das 2.700 m hohe Massiv. Es ist ein großer Klotz aus Fels, der von allen Seiten zu beklettern und richtig schwer alpin ist. Wenn ich da hochgehe habe ich das Gefühl, zu Hause angekommen zu sein. Da habe ich in meinen Kindertagen meine ersten offenen Knie eingeholt vom Bergsteigen. Das holt mich wieder nach Hause.

Andy in der Felswand Dolomiten
Andy in der gewaltigen Felskulisse des Hochstadel-Nordwestpfeilers (Lienzer Dolomiten). © Hansjörg Fauster

Gehen Sie auch alleine?

Nein, alleine geht gar nichts. Alleine habe ich nur eine oder zwei Strecken, die ich beim Regenwetter gehe, wenn ich niemanden auftreiben kann. Das sind dann 1000 Höhenmeter und dann holt mich meine Frau wieder mit dem Auto ab. Aber alleine, das ist eigentlich nicht zu machen.

Wie sieht für Sie der schönste Berg aus?

Die Laserz-Wand ist wie ein großer Dampfer, der in der Brandung steht. Auf der Seite hat er einen Bug, eine scharfe Kante, oben drauf ist da noch ein abgesetzter Kopf. Das Kantenköpfchen das ist so wie eine Kanzel. Nach Osten hin gibt es eine Schiffsplanke. An der Südseite sind die Wände nicht so hoch. Und oben drauf, eine flache grüne Fläche, wie bei einem Ozeandampfer. Ein Fussballplatz wo du in der Sonne liegen kannst. Hinten steht dann der rote Turm, ein 100 meter hoher Felsturm, wie ein Kamin von einem Schiff. Weiter östlich stehen nochmals zwei kleinere Türme, das sieht für mich alles wieder wie ein Schiff aus. Eines, das nach Westen fährt, genial.

laserzwand
Laserzwand, gesehen von der Forststrasse zur Kalsbader Hütte. © Wikicommons/Michael Kranewitter

Wandern Sie auch gerne?

Das Wandern ist etwas womit ich mich am Schwersten tue. Ich mache es trotzdem gerne. Im November wandere ich gerne durch knöchelhohen Schnee. Aber ich möchte jetzt nicht wochenlang wandern, weil ich da viel zu wenig Informationen bekomme von der Welt. Meine Hände sind am Wanderstock und das ist ja immer der Gleiche. Deswegen ist es mir dann schon Recht, wenn ich mit allen vieren anfassen kann, damit ich mehr Informationen bekomme.

Können Sie für mich diese Sätze vervollständigen?

Wenn ich in den Bergen bin… dann erfahre ich wer ich bin Wenn ich bergsteige… dann fallen mir alle Fesseln der westlichen Zivilisation ab.

Weitere Informationen zum Thema

Sie möchten mehr über den Österreichischen Bergsteiger Andy Holzer erfahren? Der 51-jährige besteigt jedes Jahr an die 200 Berge. Doch der Mount Everest war für ihn persönlich ein riesengroßer Schritt. Nach zwei Fehlversuchen ist es ihm im Mai 2017 gelungen, das Dach der Welt von oben zu spüren. Diese spezielle Erfahrung hat der sympathische Österreicher in einem Interview mit IndenBergen geteilt.