Valle Camonica. Ganz ehrlich? Der Name sagte mir vorher nicht besonders viel. Nach ein paar Tagen in diesem Bergtal in der Provinz Brescia frage ich mich vor allem, warum diese Region noch so unbekannt ist. Dort erwarten dich beeindruckende Berglandschaften, anspruchsvolle Wanderungen, ein spektakulärer Klettersteig, Jahrtausende alte Felsritzungen und vielleicht das Beste überhaupt: Ruhe. Keine überfüllten Bergbahnen oder stark frequentierten Wanderwege, sondern vor allem ItalienerInnen, die ihre Berge selbst genießen. In diesem Reisebericht nehme ich dich mit zu einigen der schönsten Highlights des Valle Camonica und zeige dir, warum dieses Tal vielleicht eines der bestgehüteten Geheimnisse der italienischen Alpen ist.
Kurz zusammengefasst
- Das Valle Camonica in der Lombardei zählt zu den Geheimtipps der italienischen Alpen und begeistert mit beeindruckenden Berglandschaften, ursprünglichen Dörfern, herzlicher Gastfreundschaft und einer entspannten Atmosphäre fernab der großen Touristenströme.
- AktivurlauberInnen kommen voll auf ihre Kosten: Highlights sind die aussichtsreiche E-Bike-Tour nach Case di Viso, die spektakuläre Wanderung über den Sentiero dei Fiori mit Klettersteig und Hängebrücken sowie zahlreiche weitere Wander- und Outdoor-Möglichkeiten im Adamello-Gebiet.
- Kulturinteressierte sollten den Parco Nazionale delle Incisioni Rupestri di Naquane besuchen. Die zum UNESCO-Welterbe gehörenden prähistorischen Felsritzungen zählen mit über 140.000 Gravuren zu den bedeutendsten Zeugnissen der europäischen Geschichte.
- Mit dem charmanten Bergdorf Ponte di Legno, regionaler italienischer Küche, gemütlichen Berghütten und einer hervorragenden Erreichbarkeit ist das Valle Camonica ein ideales Reiseziel für alle, die Natur, Abenteuer, Kultur und Genuss in einem Sommerurlaub miteinander verbinden möchten.
Über das Valle Camonica
Das Valle Camonica gehört vielleicht nicht zu den bekanntesten Bergregionen Italiens und genau das macht seinen besonderen Reiz aus. Das Tal liegt im Norden der Lombardei, zwischen dem Iseosee und der Grenze zum Trentino, und begeistert mit einer überraschenden Kombination aus wilden Berglandschaften, authentischen Dörfern und einer spannenden Geschichte. Besonders bekannt ist das Tal für seine tausenden prähistorischen Felsritzungen, die zum UNESCO-Welterbe gehören. Doch auch NaturliebhaberInnen kommen dort voll auf ihre Kosten. Von ausgedehnten Wäldern und idyllischen Bergseen über beeindruckende Gletscher bis hin zu hochalpinen Wanderwegen zeigt das Valle Camonica eindrucksvoll, dass Italien weit mehr zu bieten hat als nur die Dolomiten.
Wie gelangt man ins Valle Camonica?
Das Valle Camonica ist von Deutschland aus auf verschiedenen Wegen gut erreichbar. Mit dem Auto dauert die Anreise, je nach Abfahrtsort und gewählter Route, etwa 12 bis 14 Stunden. Unterwegs führt die Strecke durch die Schweiz oder Österreich und bietet bereits zahlreiche beeindruckende Bergpanoramen.
Wer lieber fliegt, erreicht das Tal am schnellsten über den Flughafen Bergamo. Auch Mailand-Linate und Mailand-Malpensa sind gute Alternativen. Wir sind nach Mailand-Linate geflogen und standen nach einem Transfer von etwas mehr als zwei Stunden bereits in Ponte di Legno. Unterwegs legten wir noch einen kurzen Kaffeestopp am Iseosee ein, genau die richtige Einstimmung auf das italienische Lebensgefühl.
Auch mit der Bahn ist das Valle Camonica gut erreichbar. Über Mailand und Brescia gelangt man bequem weiter ins Tal.
Mittagessen mit Aussicht in Valbione
Nach der Anreise checken wir zunächst schnell in unserem Hotel, dem Blu Hotel Acquaseria in Ponte di Legno, ein. Lange bleiben wir allerdings nicht dort, denn schon kurze Zeit später steigen wir in den Sessellift nach Valbione.
Oben angekommen erwartet uns sofort ein herrlicher Blick auf den intensiv blau leuchtenden Valbione-See, dessen Wasser im Winter für die künstliche Beschneiung genutzt wird. Dahinter erhebt sich ein beeindruckendes Bergpanorama mit schroffen Felsgipfeln, genau die Art von Landschaft, die mich sofort begeistert.
Da inzwischen Mittagszeit ist, nehmen wir auf der Terrasse der Berghütte Capanna Valbione, direkt neben der Bergstation, Platz. Die Speisekarte ist voller italienischer Bergklassiker und die Entscheidung fällt schnell. Ich bestelle eine Portion cremige Polenta mit gegrilltem Bergkäse und zarten Rindfleischstücken, schlicht zubereitet und mit frischen Kräutern verfeinert.
Zusammen mit einem guten Glas Wein ist das Mittagessen eigentlich schon perfekt. Doch in Italien weiß man: Es gibt immer noch ein großes Finale. Den Abschluss bildet ein köstlicher Schokoladen-Nuss-Kuchen. Genauso, wie man sich ein erstes Mittagessen in den Bergen wünscht.
Die Natur barfuß erleben
Nach dem Mittagessen steht etwas auf dem Programm, auf das ich ehrlich gesagt mit gemischten Gefühlen blicke. Unser Guide Giuseppe von Foot Experience nimmt uns mit auf eine Barfußwanderung. Am hochgelegenen Golfplatz von Valbione ziehen wir unsere Schuhe aus und setzen die ersten Schritte auf den perfekt gemähten Rasen. Das fühlt sich überraschend angenehm an.
Laut Giuseppe haben wir durch das ständige Tragen von Schuhen einen Teil des direkten Kontakts zum Untergrund verloren. Barfuß nutzt man Muskeln, die sonst kaum beansprucht werden, und erlebt die Natur auf eine völlig andere Weise.
Schon bald verlassen wir den Golfplatz und wandern über Waldwege und sogar ein Stück über Schotter. Zu meiner eigenen Überraschung funktioniert das deutlich besser als erwartet. Als Giuseppe mich am Ende sogar dazu herausfordert, ein Stück zu laufen, lasse ich mich ohne zu zögern darauf ein. Meine empfindlichen Füße? Die hatten sich völlig umsonst Sorgen gemacht.
Mittagessen und barfuß laufen in Valbione
Mit dem E-Bike nach Case di Viso
Am nächsten Morgen tauschen wir die Wanderschuhe gegen ein E-Bike. Unser Guide heißt – schon wieder – Giuseppe. Nicht derselbe wie am Vortag, sondern ein anderer. Schnell machen wir den Witz, dass wir in dieser Woche wahrscheinlich alle Giuseppes des Valle Camonica kennenlernen werden.
Von Ponte di Legno aus fahren wir durch malerische Dörfer, über breite Schotterwege und Waldpfade langsam bergauf. Dank der elektrischen Unterstützung bleibt genügend Energie, um die wunderschöne Landschaft in aller Ruhe zu genießen. Die Panoramaroute ist abwechslungsreich und lädt immer wieder dazu ein, anzuhalten und den Blick über die Berge schweifen zu lassen.
Unser Ziel ist Case di Viso, ein jahrhundertealtes Bergdorf auf rund 1.750 Metern Höhe. Die steinernen Häuser, die hölzernen Balkone und die farbenfrohen Blumen verleihen dem Dorf einen beinahe zeitlosen Charakter. Ganzjährig leben dort nur noch etwa zehn Menschen.
Wir schlendern gemütlich durch die schmalen Gassen und werfen auch einen Blick auf den kleinen Bergsee. Die Strecke ist leicht zu bewältigen, abwechslungsreich und aus meiner Sicht eine ideale Möglichkeit, das Valle Camonica kennenzulernen. Man ist aktiv unterwegs und hat gleichzeitig genügend Zeit, die beeindruckende Landschaft auf sich wirken zu lassen.
Mittagessen – so wie es nur die ItalienerInnen können
Nach der Fahrradtour kehren wir in der Osteria Pietra Rossa ein, einem stimmungsvollen Restaurant, das genau so aussieht, wie man sich ein typisch italienisches Lokal wünscht. Ein charakteristisches Steingebäude mit dunkelroten Fensterläden, einer gemütlichen Terrasse und überall Menschen, die in aller Ruhe ihr Mittagessen genießen. Das italienische Urlaubsgefühl ist an diesem Ort vollkommen.
Die Speisekarte dürfen wir zwar anschauen, entscheiden müssen wir uns jedoch nicht. Der Koch serviert uns einfach die Spezialitäten des Hauses.
Den Anfang machen die Primi Piatti: Gnocchi della Cua, Pizzoccheri della Casa und Tagliatelle mit Hirschragout. Drei völlig unterschiedliche Gerichte und jedes einzelne ein echter Genuss.
Gerade als wir glauben, das Mittagessen sei beendet, folgen bereits die Secondi Piatti. Auf den Tisch kommen unter anderem langsam geschmorte Rippchen, gegrillte Forelle und weitere regionale Spezialitäten.
Als wäre das noch nicht genug, wartet zum Abschluss ein Tisch voller hausgemachter Desserts auf uns. Zusammen mit einem guten Glas Wein wird einmal mehr deutlich, dass ein Mittagessen in Italien weit mehr ist als nur eine Mahlzeit. Es ist ein Moment, für den man sich Zeit nimmt und den man in vollen Zügen genießt.
E-Bike fahren in Valle Camonica
Unterwegs auf dem Sentiero dei Fiori
Nach zwei entspannten Tagen steht plötzlich ein ganz anderes Abenteuer auf dem Programm. Gemeinsam mit Bergführer Renzo fahren wir vom Passo Tonale zunächst mit der Bergbahn Paradiso und anschließend mit der Seilbahn Presena auf rund 3.000 Meter Höhe. Schon an der Bergstation eröffnet sich ein beeindruckendes Panorama über den Presena-Gletscher und die umliegende Bergwelt. An dieser Stelle beginnt der Sentiero dei Fiori, eine spektakuläre Route, die teilweise über alte Militärwege aus dem Ersten Weltkrieg führt.
Der Name „Blumenweg“ wird diesem Wanderweg absolut gerecht. Zwischen den Felsen blühen überall farbenfrohe Alpenblumen, die der schroffen Landschaft ein überraschend sanftes Aussehen verleihen. Lass dich davon jedoch nicht täuschen, denn diese Wanderung ist nichts für AnfängerInnen.
Tief unter uns glitzert unter anderem der Lago Scuro, während die schroffen Gipfel des Adamello-Massivs den Horizont prägen. Bevor wir den Klettersteig erreichen, müssen wir zunächst ein langes Stück über felsiges Gelände zurücklegen. Es gibt keinen ausgebauten Wanderweg, stattdessen geht es ständig von einem Felsblock zum nächsten, wobei Gleichgewicht wahrscheinlich die wichtigste Voraussetzung ist.
Und genau das ist heute nicht meine größte Stärke. Nach einer schlechten Nacht fühle ich mich alles andere als fit und komme mir zeitweise eher vor wie Bambi auf dem Eis als wie ein geübter Bergwanderer. Immer wieder setze ich einen Fuß ungünstig auf, verliere kurz das Gleichgewicht und muss mich wieder fangen.
Unterwegs passieren wir alte Schützengräben, Tunnel und weitere Überreste aus dem Ersten Weltkrieg. Vor über hundert Jahren verlief dort die Frontlinie zwischen Italien und Österreich-Ungarn. Gerade diese Kombination aus beeindruckender Natur und greifbarer Geschichte macht die Tour so besonders.
Nach einem letzten anstrengenden Anstieg über hohe Felsstufen erreichen wir schließlich den Gipfel des Corno di Lago Scuro auf 3.166 Metern Höhe. Am Gipfel genießen wir unser mitgebrachtes Mittagessen, begleitet von einem Panorama, das jede Anstrengung des Vormittags sofort vergessen lässt.
Der Klettersteig: spektakulär, aber gut machbar
Nach der Mittagspause steigen wir zum Einstieg des Klettersteigs ab. Dieser liegt überraschend nah, auch wenn vom Gipfel zunächst gar nicht klar zu erkennen ist, wo die Route genau beginnt.
Ich bin froh, dass Renzo dabei ist. Ohne einen ortskundigen Bergführer hätte ich den richtigen Einstieg vermutlich erst einmal suchen müssen. Im Sommer wird der Sentiero dei Fiori nämlich im Uhrzeigersinn begangen, sodass der Klettersteig größtenteils bergab und nicht bergauf verläuft.
Der Klettersteig selbst überrascht mich positiv. Natürlich sichern wir uns ordnungsgemäß am Stahlseil, doch auf vielen Abschnitten frage ich mich, ob das überhaupt notwendig wäre. Technisch ist die Route nämlich keineswegs besonders schwierig.
Die größte Herausforderung ist für viele vermutlich die Höhe. Das merkt man vor allem auf den beiden spektakulären Hängebrücken mit einer Länge von etwa 55 beziehungsweise 75 Metern. Tief unter den Füßen öffnet sich eine gewaltige Schlucht und während die Brücken sanft mitschwingen, wird einem erst richtig bewusst, in welcher Höhe man sich befindet.
Sentiero dei fiori
Tausende Jahre Geschichte unter freiem Himmel
An unserem letzten Morgen besuchen wir den Parco Nazionale delle Incisioni Rupestri di Naquane, die wohl bekannteste Sehenswürdigkeit des Valle Camonica. Gemeinsam mit unserer Guide Marta wandern wir entlang von Felsritzungen, die bereits vor mehreren tausend Jahren in den Stein geschlagen wurden.
Der Park gehört zum UNESCO-Welterbe des Valle Camonica, das mehr als 140.000 Felsritzungen umfasst, eine der größten Sammlungen prähistorischer Felskunst weltweit.
Es ist faszinierend, sich vorzustellen, dass Menschen dort vor Jahrtausenden mit nichts weiter als einfachen Steinwerkzeugen ganze Geschichten in den Felsen verewigten. Wir entdecken Darstellungen von Hirschen, Jägern, Kriegern, Pferden, Hütten und zahlreichen Symbolen, die einen einzigartigen Einblick in das damalige Leben geben.
Über viele Jahrhunderte lagen zahlreiche dieser Felszeichnungen unter Erde und Vegetation verborgen, bis sie entdeckt und sorgfältig freigelegt wurden. Genau das macht einen Spaziergang durch Naquane so besonders: Man blickt buchstäblich auf ein Geschichtsbuch, das in Stein geschrieben wurde.
Ponte di Legno: Ankommen in Italien
Ponte di Legno ist eines dieser Dörfer, in denen man sich vom ersten Moment an wohlfühlt. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich einige Jahre in Italien gelebt habe. Sobald ich die italienische Sprache höre, den Duft frisch zubereiteter Speisen wahrnehme und die entspannte Atmosphäre genieße, fühlt es sich an, als wäre ich wieder ein Stück weit zu Hause. Das historische Zentrum ist überschaubar und begeistert mit einem gemütlichen Marktplatz, stimmungsvollen Gassen, kleinen Geschäften und zahlreichen Cafés und Restaurants. Am Ende des Tages schlendern wir gerne noch einmal durch den Ort, bevor wir uns zum Abendessen niederlassen.
Und apropos Essen, auch am Abend werden wir kulinarisch verwöhnt. Unser erstes Abendessen genießen wir im El Volt, einem stilvoll eingerichteten Restaurant, das moderne Gerichte mit regionalen Zutaten kombiniert. Der absolute Höhepunkt ist das cremige Risotto mit regionalem Bergkäse. So lecker, dass ich zum ersten Mal seit langer Zeit sogar auf das Dessert verzichte. Das sagt eigentlich schon alles.
Am zweiten Abend essen wir im San Marco und auch dieses Restaurant erweist sich als echter Volltreffer. Der Chef kommt persönlich an die Tische, plaudert mit seinen Gästen und sorgt für die typisch entspannte italienische Atmosphäre. Zum Auftakt genießen wir eine Platte mit regionalen Wurst- und Schinkenspezialitäten, gefolgt von einer köstlichen Gnocchi della Cua. Natürlich darf auch an diesem Abend ein hausgemachtes Dessert nicht fehlen.
Gutes Essen gehört in Italien einfach zum Urlaub dazu und in Ponte di Legno versteht man es hervorragend, seine Gäste kulinarisch zu verwöhnen.
(Kulinarischer) Genuss in Ponte di Legno
Fazit: Eines der bestgehüteten Geheimnisse der italienischen Alpen
Das Valle Camonica ist genau das Italien, das man sich für einen Sommerurlaub in den Bergen wünscht. Keine überfüllten Bergbahnen, keine Warteschlangen an den beliebtesten Sehenswürdigkeiten und kaum internationale Touristen. Während unserer Tage im Tal hören wir fast ausschließlich Italienisch. Deutsche Urlauber? Denen sind wir tatsächlich überhaupt nicht begegnet.
Genau das macht diese Region so besonders. Im Valle Camonica hast du jede Menge Raum, um die beeindruckende Natur, die charmanten Bergdörfer und Wanderwege zu genießen, auf denen man teilweise stundenlang kaum einem anderen Menschen begegnet. Dazu kommen die herzliche Gastfreundschaft und die hervorragende italienische Küche, die perfekten Zutaten für einen unvergesslichen Bergurlaub.
Vielleicht ist das Valle Camonica tatsächlich eines der bestgehüteten Geheimnisse der italienischen Alpen. Und ausnahmsweise verraten wir dieses Geheimnis gerne. Versprich uns nur, dass du es nicht allzu laut weitererzählst.